Jeder dritte Diabetiker läuft in Gefahr, eine Depression zu entwickeln. ©D. Braun / pixelio.de

Jeder dritte Diabetiker läuft in Gefahr, eine Depression zu entwickeln. ©D. Braun / PIXELIO

Jeder dritte Diabetiker läuft in Gefahr, eine Depression zu entwickeln. Die neue Kurzzeit-Verhaltenstherapie „DIAMOS – Diabetesmotivation stärken“ schützt Betroffene erfolgreich vor der psychischen Erkrankung. Darauf weist die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hin und bezieht sich dabei auf eine Studie, die kürzlich in Diabetes Care veröffentlicht wurde. So seien Depressionen für Diabetiker gefährlich, weil sie die Stoffwechselerkrankung häufig verschlechtern.

Hintergrund: Für die Studie, die vom Forschungsministerium gefördert wurde, teilten die Wissenschaftler insgesamt 214 Typ-1- und Typ-2-Diabetiker nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein. Die eine Gruppe nahm für fünf Sitzungen an einer Diabetesschulung teil, in der über Therapie, Ernährung, Bewegung und soziale Aspekte informiert wurde. Die zweite Gruppe unterzog sich einer DIAMOS-Gruppentherapie, die von Psychologen angeleitet wurde und aus fünf Kursbausteinen à 90 Minuten bestand. Zudem wurden die Probanden vier Mal im Laufe eines Jahres telefonisch kontaktiert.

Das Forschungsinstitut der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim hat das Therapieprogramm DIAMOS speziell für diejenigen „Zuckersüßen“ entwickelt, die Anzeichen einer erhöhten Depressivität zeigen. Ziel des Programms ist es, die Depressivität zu reduzieren und den Ausbruch einer behandlungsbedürftigen Depressionen zu verhindern. Gemeinsam mit dem Berater sollen die Teilnehmer in fünf Schritten Probleme im Zusammenhang mit dem Diabetes identifizieren, Lösungsstrategien erarbeiten, negative Einstellungen verändern und Ressourcen aktivieren.

„Zu häufigen Stressquellen zählt etwa die mangelnde Fähigkeit, ‚nein‘ zu sagen oder ein übertrieben perfektionistischer Umgang mit Diabetes“, erläutert Studienleiter Privatdozent Dr. phil. Dipl. Psych. Bernhard Kulzer. Auch die Verheimlichung des Diabetes am Arbeitsplatz kann stark belasten, weiß der DDG-Experte. „Am Ende der DIAMOS-Intervention steht eine Vereinbarung über konkrete Schritte, wie man die Belastungen im Alltag reduzieren kann“, erklärt Dr. Kulzer.

Nach zwölf Monaten analysierten die Forscher, wie sich die Diabetesschulung beziehungsweise die Intervention auf die Teilnehmer ausgewirkt hatten. Dafür wurden unter anderem folgende Faktoren untersucht: depressive Symptome, diabetesbezogener Stress, Diabetes-Selbstmanagement und Zufriedenheit. „Sowohl die Diabetesschulung als auch die DIAMOS-Kurzzeittherapie verbesserten das Selbstmanagement und die Zufriedenheit der Patienten in vergleichbarem Maße“, bilanziert Dr. Kulzer. „Aber was die Reduktion depressiver Symptome und diabetesbezogener Belastungen betrifft, war DIAMOS eindeutig effektiver als die Schulung.“ So lag die Wahrscheinlichkeit, eine behandlungsbedürftige Depression zu entwickeln, bei den Teilnehmern der Kurzzeit-Therapie um 37 Prozent niedriger. „Damit beugt DIAMOS erwiesenermaßen einer schweren Depression vor“, bekräftigt Professor Dr. med. Norbert Hermanns, Erstautor der Studie.

Aber wie erkennen Betroffene, ob sie in Gefahr laufen, an einer Depression zu erkranken? Aufmerksamkeit sei angebracht, wenn sich die Einstellung zur Erkrankung ins Negative wandelt. „Der Diabetes läuft nicht mehr nebenbei, er wird zur Last, kostet mehr Energie als zuvor“, beschreibt Dr. Kulzer erste Anzeichen. Auch auf der kognitiven Ebene dominiere Abwehr. „Man denkt über das Diabetesmanagement in zunehmend negativen Kategorien: Das Messen nervt, man will die Blutzuckerwerte gar nicht mehr sehen und betrachtet die Therapie zunehmend als Last“, sagt der Fachpsychologe.

Auch Verhaltensänderungen können Warnzeichen für eine Depression sein. Die Patienten kümmern sich weniger um ihre Therapie, um Bewegung und Ernährung. „Bis die Betroffenen das Insulin nicht mehr nach dem gewohnten Schema spritzen, sondern in unregelmäßigen Abständen“, so Dr. Kulzer. Spätestens jetzt werde es für die Gesundheit gefährlich, weil die Blutzuckerwerte steigen und entgleisen können. Erhöhte Werte wiederum beeinträchtigen das Wohlbefinden, was den Umgang mit der Krankheit weiter verschlechtert – ein Negativkreislauf beginnt.
Wer Anzeichen einer Depression bemerkt, sollte seinen Hausarzt oder Diabetologen aufsuchen.

Ein Fragebogen-Test, der hier zum Download bereitsteht, gibt eine erste Orientierung, ob eine Gefährdung vorliegt.