Zutritt verboten: Die 15-jährige Alicia durfte nicht auf die Berliner Fanmeile, weil sie lebenswichtige Diabetikerutensilien bei sich trug.

Zutritt verboten: Die 15-jährige Alicia durfte nicht auf die Berliner Fanmeile, weil sie lebenswichtige Diabetikerutensilien bei sich trug.

Obwohl seit dem frenetischen Empfang, den die deutschen Fußballfans ihren WM-Helden in Berlin bereiteten, ein guter Monat ins Land gezogen ist, sitzt der Stachel bei Alicia und ihrer Mutter Melanie noch immer tief. Erst war es Traurigkeit, dann Wut und schließlich bittere Enttäuschung sowie Unverständnis, die die beiden übermannten.

Der Grund: Eine unwissende Mitarbeiterin des Sicherheitsdienstes verwehrte der 15-Jährigen, die sich zum Zeitpunkt des Empfangs der Fußballweltmeister auf Klassenabschlussfahrt in der Hauptstadt befand, den Zugang zur Fanmeile.

„Wir hatten uns in kleine Gruppen aufgeteilt und warteten eine halbe Ewigkeit in der Menschenschlange“, erzählt die Schülerin. „Endlich stand ich vor einer Security-Frau, die mich, nachdem sie mich abgetastet hatte, darum bat, einen Blick in meine Tasche werfen zu dürfen.“ Gesagt, getan. Als die Security-Bedienstete die lebensnotwendigen Diabetikerutensilien – Insulinpens, Nadeln und Blutzuckermessgerät – entdeckte, reagierte sie geradezu unglaublich. „Sie meinte zu mir, dass ich nur Zutritt zur Fanmeile bekomme, wenn ich das ‚Zeug‘ wegwerfe, da ich eine Gefahr für die anderen Besucher darstellen würde“, schaut Alicia auf diese unfassbare Begebenheit zurück. Diese unbedachten Worte saßen. „Ich habe der Frau dann noch zu erklären versucht, dass Insulinpen und Co. für mich lebensnotwendig sind, aber das verfehlte komplett seine Wirkung.“

Ihre Klassenkameraden zeigten sich gegenüber der Typ-1-Diabetikerin solidarisch und ließen Jogis Jungs Jogis Jungs sein. „Anfangs war ich total traurig, weil ich meinem kleinen Bruder versprochen hatte, jede Menge Fotos zu schießen“, resümiert Alicia. „Danach war ich kurz vorm Explodieren. Ich bin ja schließlich nicht krank, habe keine ansteckende Krankheit, sondern nur Diabetes.“

Alicias Mutter fällt es noch immer schwer, für das, was ihrer Tochter widerfahren ist, die richtigen Worte zu finden. „Ich bin geschockt über so viel Unwissenheit, komplett verärgert und kann es nicht fassen, wie man einen Menschen derartig ausgrenzen kann“, empört sie sich. „Meiner Meinung nach gibt es zu wenig Aufklärungsarbeit. Anders kann ich mir nicht erklären, warum man Alicia den Zutritt zu dieser Großveranstaltung verweigert hat.“ In ihrer Wut wandte sich Melanie an die lokale Presse. Schnell sorgte Alicias Geschichte für jede Menge Aufsehen.

Mittlerweile liegen der Familie Entschuldigungsschreiben der Berliner Senatskanzlei, des DFB und des Veranstalters vor. „Der Veranstalter, der den involvierten Sicherheitsdienst wohl nicht belangen wird, redet sich heraus und hat meine Tochter mit einem Fan-Paket abgespeist“, moniert Melanie. „Die fünf Mitschüler, die Alicia zuliebe auf die Teilnahme an der Riesen-WM-Party verzichteten, haben gar nichts bekommen. Für mich eine bodenlose Frechheit.“

Doch will Melanie weiter für die Rechte von Diabetikern kämpfen, denen es bei jedem großen Event so wie Alicia ergehen könnte – dem ungeschulten Personal sei Dank. „Mir ist auch klar, dass der Veranstalter nichts dafür kann, allerdings muss er den Sicherheitsdienst, der es versäumt hat, seine Mitarbeiter entsprechend zu schulen, ausfindig machen. Der Veranstalter denkt wohl, er wäre mit dem Versenden eines Paketes aus dem Schneider. Er reagiert noch nicht einmal mehr auf meine E-Mails.“

Melanie hat indes realisiert, dass sie ihrer Tochter den verpassten Moment nicht wiedergeben kann: „Aber ich kann ihr aufzeigen, dass man sich manchmal wehren muss.“

Inzwischen hat sich sogar die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen zu Wort gemeldet, indem sie den Veranstalter angeschrieben hat. In ihrem Schreiben stellt sie unmissverständlich klar, dass sie es begrüßen würde, wenn das Sicherheitspersonal, das ihrer Meinung nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Unwissenheit entsprechend gehandelt hätte, besser mit den Belangen von Menschen mit Behinderung betraut werde. In diesem Zusammenhang verweist sie auf Artikel 3 des Grundgesetzes, auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz sowie auf die UN-Behindertenrechtskonvention, die die Benachteiligung von behinderten Menschen untersagen und bei Verstößen klare Rechtsforderungen vorsehen.