Unter führenden Gesundheitspolitikern der Großen Koalition ist auf dem parlamentarischen Jahresempfang der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) eine Kontroverse über geeignete Maßnahmen zur Verhinderung und Bekämpfung von Übergewicht und Diabetes entbrannt. Während sich der SPD-Politiker und Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Professor Dr. jur. Edgar Franke, für eine Ampel-Kennzeichnung und differenzierte Mehrwertsteuersätze für Lebensmittel aussprach, setzt CDU-Ausschussmitglied Michael Hennrich auf allgemeine Aufklärungsmaßnahmen. „Steuern und Ampelkennzeichnung sollten am Ende stehen“, bekräftigte der Christdemokrat. Die DDG fordert vor allem eine bessere sektorenübergreifende Verzahnung der Diabetesversorgung zwischen Hausärzten, Fachärzten, Kliniken, Reha und Pflege.

Diabetes-Prävention

Die DDG fordert vor allem eine bessere sektorenübergreifende Verzahnung der Diabetesversorgung zwischen Hausärzten, Fachärzten, Kliniken, Reha und Pflege. © niroworld/Fotolia


Derzeit leben mehr als sechs Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland, jährlich kommen etwa 300.000 hinzu. Für ihre Behandlung, Pflege, Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung entstehen derzeit Kosten von rund 35 Milliarden Euro pro Jahr. „Davon entfallen 80 Prozent auf die Behandlung von Folgeerkrankungen eines schlecht behandelten Diabetes“, erläuterte DDG-Präsident Professor Dr. med. Baptist Gallwitz im Verlauf einer Podiumsdiskussion zum Thema „Herausforderung chronische Krankheiten – Wie sichern wir die Qualität in der Versorgung?“, die anlässlich des Jahresempfangs der DDG in der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin stattfand. „Wir plädieren dafür, das Erkrankungsrisiko durch Diabetes-Prävention zu senken, Risikogruppen rechtzeitig zu identifizieren und die sektorenübergreifende Versorgung zu stärken.“

Wie die Übergänge zwischen den medizinischen Sektoren – also vor allem zwischen Hausärzten, Fachärzten und Kliniken – qualitätsgesichert und ohne Reibungsverluste koordiniert werden können, ist von Hausärzten und Diabetologen bereits modellhaft in einem Konzept für die Versorgungslandschaft Diabetes definiert. „Mit einer leitlinienorientierten, sektorenübergreifenden und interdisziplinären Versorgung lassen sich Klinikeinweisungen verringern und Doppeluntersuchungen vermeiden“, unterstrich der DDG-Präsident. „Wir schlagen vor, dieses Modell aus dem Innovationsfonds zu finanzieren und in einer Pilotregion zu erproben.“ Christof Veit, Leiter des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTiG), präsentierte sich gegenüber den Verbesserungen der Systemqualität grundsätzlich aufgeschlossen. „Wir müssen die Rate vermeidbarer Komplikationen beim Diabetes verringern.“

Bei der Podiumsdiskussion, an der sich Experten aus Politik und Medizin beteiligten, nahm auch das Thema Diabetes-Prävention großen Raum ein. Übergewicht ist ein wichtiger Risikofaktor für die Entstehung des Diabetes Typ 2. „Stark zuckerhaltige Softdrinks sind heute einer der zentralen Verursacher von Adipositas bei Kindern“, kritisierte Dr. Sabine Richard, Geschäftsführerin Versorgung im AOK-Bundesverband. „Wir brauchen mehr Aufklärung über ungesunde Ernährung, aber auch eine transparente Lebensmittelkennzeichnung und Maßnahmen wie ein Verbot von Werbung für Süßigkeiten, die sich an Kinder richtet.“

Zuvor hatte sich auch der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Professor Dr. jur. Edgar Franke, für mehr Transparenz stark gemacht. „Wir brauchen die Lebensmittel-Ampel“, postulierte der Sozialdemokrat. „Rot, gelb, grün – das kann jeder unterscheiden.“ Noch einfacher, fand DDG-Vizepräsident Professor Dr. med. Dirk Müller-Wieland, sei die Steuerung des Ernährungsverhaltens über Preissignale. „Energiedichte Lebensmittel sollten teurer sein, damit ist automatisch das Ungesunde teurer.“ Gleichzeitig würden gesunde Lebensmittel nach Vorstellungen der DDG steuerlich entlastet.

Skeptisch gegenüber Lebensmittelampel und Steuererhöhungen für hochkalorische Lebensmittel wie Softdrinks zeigte sich dagegen Michael Hennrich, Mitglied des Gesundheitsausschusses im Bundestag. „Wir müssen aufpassen, dass wir den Menschen nicht jede Lebensfreude vergällen“, betonte der CDU-Politiker. Er plädierte stattdessen für mehr Aufklärung. „Die Menschen sollen eigenverantwortlich entscheiden, wie sie sich ernähren.“

Einig waren sich die Gesundheitspolitiker von SPD und CDU darin, dass das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) zwar ein wichtiges und notwendiges Instrument zur Preisfindung von Medikamenten im Gesundheitswesen ist, mit Blick auf chronische Erkrankungen aber nachzubessern sei. „Chronische Erkrankungen sind nicht ganz optimal abgebildet“, meinte Michael Hennrich. „Wir wollen das Gesetz nicht aufweichen, diskutieren aber Modelle, die am Preisregime ansetzen.“

DDG-Präsident Gallwitz verlieh noch einmal der Forderung Ausdruck, wonach die wissenschaftlichen Fachgesellschaften an dem Verfahren strukturiert eingebunden werden sollen, etwa bei Festlegungen der Vergleichstherapie, der Fragestellung, den Indikatoren für einen Nutzen und eine medizinische „Plausibilitätskontrolle“ der Ergebnisse einer Bewertung. Vize-Präsident Müller-Wieland mahnte an, dass es bei neuen Medikamenten für chronische Volkskrankheiten wie Diabetes klare und verbindliche Kriterien für eine „frühe“ sowie eventuell regelhaft dann durchzuführende mittelfristige und spätere Nutzenbewertungen brauche.

Hier müsse auch klar definiert werden, welche Art von Studien, Register- und Versorgungsdaten anerkannt werden. Die bisherigen Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA hätten zwar zu keiner Gefährdung der Patienten geführt, die Individualisierung der Behandlungskonzepte sei aber durch Marktrücknahmen und Versorgungseinschränkungen geschmälert worden.