Diabetische Neuropathie in Deutschland: Zu wenig bekannt, unterversorgt und weit verbreitet

Die aktuellen Daten der fortlaufenden PROTECT-Studie der Aufklärungsinitiative „Diabetes! Hören Sie auf Ihre Füße?“, die unlängst beim EASD-Kongress 2016 in München vorgestellt wurden, belegen: die diabetische Neuropathie ist eine sehr häufige Folgeerkrankungen des Diabetes. Etwa jeder zweite Untersuchte war von einer Nervenschädigung betroffen – oftmals ohne es zu wissen. Die Angaben zeigen eine überraschend hohe Neuropathie-Dunkelziffer bei Menschen mit und ohne Diabetes, sogar wenn die Neuropathie bei ihnen mit Schmerzen einhergeht.

Folgeerkrankungen des Diabetes
Diabetiker sollten regelmäßig ihre Füße von einem Spezialisten kontrollieren lassen. © Robert Przybysz/Fotolia


Professor Dr. med. Dan Ziegler, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Aufklärungsinitiative „Diabetes! Hören Sie auf Ihre Füße?“, stellvertretender Direktor am Institut für Klinische Diabetologie des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft „Diabetes und Nervensystem“ der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), stellte die aktuellen Daten der fortlaufenden PROTECT-Studie zur diabetischen Neuropathie in Deutschland vor. Das primäre Ziel dieser Studie ist die Ermittlung der Prävalenz und der Risikofaktoren bei diagnostizierter und nicht-diagnostizierter, schmerzhafter und schmerzloser distal sensorischer Polyneuropathie (DSPN). Die schmerzhafte DSPN wurde als Vorhandensein von DSPN mit Schmerz und/oder Brennen in den Füßen im Ruhezustand und die schmerzlose DSPN als Vorhandensein von DSPN mit Parästhesien, Taubheitsgefühl oder fehlenden Symptomen definiert.

Die aktuellen Ergebnisse der PROTECT-Studie sind alarmierend:

  • Bei fast jedem zweiten aller Untersuchten mit und ohne Diabetes zeigte sich ein Verdacht auf eine DSPN, die in rund zwei Drittel der Fälle schmerzhaft war.
  • Viele Betroffene wussten trotz Schmerzen nichts von ihrer Neuropathie: So wurde bei 61 Prozent der Teilnehmer mit bekanntem Typ-2-Diabetes und schmerzhafter DSPN diese zuvor nicht diagnostiziert.
  • Bei den Untersuchten ohne vorbekannten Diabetes könnte ein bisher unerkannter (Prä-) Diabetes in vielen Fällen die Ursache für die Neuropathien sein. Denn etwa jeder dritte Untersuchte ohne vorbekannten Diabetes hatte einen auffälligen HbA1c-Wert im Prädiabetes- bzw. Diabetesbereich.

Die aktuelle Auswertung der fortlaufenden PROTECT-Studie verdeutlicht, dass Menschen mit und ohne vorbekannten Diabetes unzureichend über ihre Neuropathie informiert sind, selbst wenn diese mit Schmerzen einhergeht. „Da ein Drittel der Teilnehmer der PROTECT-Studie ohne bekannten Diabetes ein erhöhtes Diabetesrisiko aufweist und die Rate der neu entdeckten schmerzhaften Neuropathien überraschenderweise so hoch ist, muss man von einer hohen Dunkelziffer und einer erheblichen Unterversorgung der DSPN in Deutschland sprechen“, sagte Professor Ziegler und forderte: „Die Patienten müssen besser über Diabetes und die diabetische Neuropathie aufgeklärt werden. Effektive Strategien sollten implementiert werden, um den Diabetes und die Neuropathie rechtzeitig aufzudecken.“

(Quelle: Ziegler D, Strom A, Landgraf R, Lobmann R, Reiners KH, Rett K, Schnell O. Nationale Aufklärungsinitiative (PROTECT-Studie): Schmerzhafte Polyneuropathie ist bei Menschen mit und ohne Diabetes häufig anzutreffen, bleibt aber vielfach unentdeckt. Präsentation der aktuellen Daten im Rahmen der 52. Jahrestagung der EASD (European Association for the Study of Diabetes) am 12. und 15. September 2016 in München. Berücksichtigt wurden die Untersuchungsergebnisse von 1.589 Studienteilnehmern aus den Jahren 2013 bis 2015. Die Untersuchungen beinhalteten die Überprüfung von Temperatur-, Druck- und Vibrationswahrnehmung sowie die Palpation der Fußpulse. Zusätzlich wurden der Langzeitblutzucker (HbA1c-Wert) und der BMI erfasst und ausgewertet.)

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